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Ergebnisprotokoll Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“

Datum:
22. Oktober 2018
Ort:
GRENZHUS Schlagsdorf

Die Veranstaltung dient der Vernetzung der landesweiten Gedenkstättenarbeit und der internen Fort- und Weiterbildung von MitarbeiterInnen aus den Gedenkstätten/Erinnerungsorten in Mecklenburg-Vorpommern. Auf der zweiten Veranstaltung im Jahr steht die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Mittelpunkt. Die Veranstaltung fand wie geplant statt. Insgesamt waren 27 Teilnehmende aus dem ganzen Land angereist.

Ramona Ramsenthaler (Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin) und Fabian Schwanzar (Jugendbegegnungsstätte Golm) moderierten die Veranstaltung. Nach einer Einführung von Ramona Ramsenthaler in die Veranstaltung und ein Austausch über aktuelle Entwicklungen in den unterschiedlichen Einrichtungen stellte Andreas Wagner das neugestaltete GRENZHUS vor. Nach einer Einführung über die Vorbereitung und die Entwicklung der neuen Dauerausstellung konnten auf einer Führung durch das Haus grundlegende Gestaltungsfragen und inhaltliche Schwerpunkte beispielhaft vorgestellt werden. Es gab Nachfragen zur lokalen Wahrnehmung des Hauses, zur Einbettung einzelner Objekte und Fallgeschichten sowie zu grundlegenden Fragestellungen der Grenzgeschichte, z. B. der statistischen Darstellung der Fluchtbewegung nach 1961. Die Information zur Bildungsarbeit wurde mit dem kurzen Film „Grenzenlos“ (2017) eingeleitet, der zu einer intensiven Diskussion über Unterschiede in den west- und ostdeutschen Erinnerungskulturen, über Standards unserer Bildungsarbeit sowie ihre Evaluation führte. Eine der großen Herausforderungen für unsere Bildungsarbeit bilden die eingeengten räumlichen Rahmenbedingungen im GRENZHUS.

Kurz vor der Mittagspause informierte Jochen Schmidt, Direktor der LpB M-V, über ein geplantes Förderprogramm des Bundes zur Unterstützung der Bildungsarbeit in den kleinen und mittleren NS-Gedenkstätten. Auch Orte aus M-V kämen dafür in Betracht. Jedoch steht die genaue Förderrichtlinie noch nicht fest.

Nach der Mittagspause stellte Kathrin Steinhausen (Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde) die Sonderausstellung „Nach der Flucht. Wie wir leben wollen“ und das dazugehörige Planspiel „Ankunft im Andersland“ vor. Im Anschluss gab es eine intensive Diskussion mit Nachfragen zu einzelnen Aspekten der Sonderausstellung sowie zur Umsetzung und den Zielen des Planspiels. Der Beitrag gab zahlreiche Denkanstöße für die Debatte um aktuelle Bezüge in Gedenkstätten/Erinnerungsorte.

In einem dritten Veranstaltungsteil stellten die ModeratorInnen grundlegende Probleme der weiteren Vernetzungsarbeit in den Mittelpunkt. Die Professionalisierung der Archiv- und Sammlungsarbeit in den Gedenkstätten wird mit einer Veranstaltung zur Auswertung des Gutachtens von Ulrike Holdt am 27. November 2018 in der LpB in Schwerin fortgesetzt. Die Mitglieder der AG Gedenkstäten in M-V dringen darauf, den einzelnen Einrichtungen vorab ihre Einschätzungen zur Kenntnis zu geben, damit die Diskussion zielgerichteter erfolgen kann. Fabian Schwanzar informierte über den Arbeitsstand zur Entwicklung einer neuen Homepage der AG Gedenkstätten. Außerdem wollen wir uns an einer Erhebung des Gedenkstättenforums zu den Aktivitäten der AfD im Gedenkstättenbereich beteiligen. Stephan Linck (Evangelische Akademie in der Nordkirche) stellte den Arbeitsstand zu einer gemeinsamen Gedenkstättentagung 2019 der Landesarbeitsgemeinschaften Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern vor.

Der nächste Runde Tisch wurde auf den 15. April 2019 festgelegt und soll in der JBS Golm stattfinden.

Die organisatorischen Rahmenbedingungen waren gut und erlaubten einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung.

Schlagsdorf, 23. Oktober 2018
Andreas Wagner

Runder Tisch Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern am 1. April 2019 in Kamminke

In der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. fand der erste Runde Tisch 2019 statt. 19 Kolleginnen und Kollegen waren gekommen, um die Einrichtung und die pädagogische Arbeit zur Kriegsgräberstätte Golm kennenzulernen. Außerdem wollten sie Fragen zur weiteren Netzwerkarbeit diskutieren.

Mariusz Siemiątkowski, wissenschaftlicher Leiter der JBS Golm, begrüßte die Teilnehmenden. Die beiden Mitarbeiter Bettina Harz und Fabian Schwanzar führten in die Arbeit des Volksbundes und ihre pädagogischen Angebote ein. Wichtigste Zielgruppe sind Schulklassen der Sek I, für die unterschiedliche interaktive Bildungsangebot zur Verfügung stehen. Den Einstieg für den Workshop „Gesichter vom Golm“ lernten wir kennen, indem die Teilnehmenden selbst aktiv wurden und die Würfel mit den historischen Ereignissen in eine chronologische Reihenfolge brachten. Sehr anregend war die Diskussion zu diesem methodischen Ansatz, den Luftangriff auf Swinemünde in einen historischen Zusammenhang zu setzen. Anschließend fanden sich zwei Kleingruppen. Eine Gruppe, begleitet von Fabian Schwanzar, ging auf die Kriegsgräberstätte und lernte die Dauerausstellung kennen und erschloss sich den historischen Ort mit Hilfe eines neuen digitalen Angebots auf den Tablets. Die zweite Gruppe, angeleitet von Bettina Harz, erprobte einen Workshop zum Thema Flucht und Asyl. Beide Angebote waren sehr praxisorientiert und wurden zum Teil auch ausprobiert. Sehr anregend war es, die Erfahrungen in der Anwendung der pädagogischen Angebote kennenzulernen und beim Ausprobieren kritisch nachzufragen und Anregungen geben zu können. Insgesamt bekamen wir einen sehr lebendigen Eindruck von einer interaktiven, modernen und zweisprachigen Bildungsarbeit in der Einrichtung.

Der Nachmittag startete mit einem Vortrag von Dr. Gudrun Heinrich (Universität Rostock) über Rechtspopulismus. Bereits vorher hatten die Kollegen von der JBS Golm über ihre Erfahrungen im Umgang mit Rechtsextremismus/ Rechtspopulismus berichtet und ein YouTube-Film zum Volkstrauertag 2018 gezeigt, der rechtsextremes Gedankengut vermittelte. Gudrun Heinrich charakterisierte, was sie unter Rechtspopulismus versteht, skizzierte die aktuellen Herausforderungen im Umgang mit dieser politischen Einstellung. Abschließend stellte sie einige Thesen für die Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus in der politischen Bildung zur Diskussion. Anschließend benannten die Teilnehmenden einige Erfahrungen aus den unterschiedlichen Gedenkstätten, z. B. die besondere Rolle von DDR-Erfahrungen im Osten bzw. die Wahrnehmung der Transformation in Ostdeutschland, die Spezifika der jeweiligen Orte für die Debatte, aber auch unangemessene Wirksamkeitsphantasien von Politiker*innen und Pädagog*innen gegenüber den Gedenkstätten oder die Bedeutung der Gesprächsführung und der Erfahrung eines demokratischen Dialogs an den Orten.

Anschließend bekam Stefanie Oster von der Initiative „Lichtenhagen im Gedächtnis“ aus Rostock die Gelegenheit, ihre Arbeit vorzustellen. Die Initiative möchte zukünftig Mitglied in der AG Gedenkstätten in M-V werden. Die Initiative ist beim Rostocker Verein Soziale Bildung angesiedelt und will Dokumente, Materialien zum Pogrom 1992 in Rostock-Lichtenhagen zusammentragen, Vermittlungsangebote entwickeln und damit einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit diesem Ereignis und seinen Gegenwartsbedeutungen leisten. Unter den anschließenden Fragen seien die nach der Bedeutung der Zäsur 1990 und der DDR-Erfahrung als Vorgeschichte sowie nach der Absicherung des Projektes genannt.

Im letzten Teil der Veranstaltung informierte der Sprecherrat der AG Gedenkstätten über den Arbeitsstand zu einzelnen Vorhaben und die Vertreter*innen einzelner Einrichtungen stellten Veranstaltungen und Projekte vor. Fabian Schwanzar gab einen Überblick zur Professionalisierung der Archivarbeit in Gedenkstätten. Das Starterset der Verpackungsmaterialien kann in drei Wochen im Dokumentationszentrum Demmlerplatz in Schwerin abgeholt werden. Die Antragstellung für den Erwerb der Archivsoftware wird bis zur Sommerpause vorbereitet. Dr. Rainer Stommer stellte die aktuellen Entwicklungen in der Bundesvereinigung der LAG Gedenkstätten FORUM vor, vor allem die Aktivitäten zur Verstetigung der bundesweiten Netzwerkarbeit. Rainer Stommer vertritt auch in der aktuellen Wahlperiode die ostdeutschen LAG im Sprecherrat. Dr. Andreas Wagner stellte den Arbeitsstand bei der Vorbereitung der Gedenkstättentagung von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern am 15./16. November 2019 in Schwerin vor. Die Veranstaltung wird sich vor allem an die Mitarbeiter*innen von Gedenkstätten und Erinnerungsorten in beiden Bundesländern richten und soll den länderübergreifenden Dialog befördern, Unterschiede benennen, aber auch gemeinsame Herausforderungen diskutieren.

Der nächste Runde Tisch Gedenkstättenarbeit in M-V findet am 21. Oktober 2019 in Rostock statt. Gemeinsam mit unterschiedlichen Initiativen aus der Stadt werden wir den Themenschwerpunkt DDR-Geschichte vorbereiten.

Schlagsdorf, 5. April 2019                                                                                      Andreas Wagner

 

 

Runder Tisch Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern am 21. 10. 2019 in Rostock

Das Veranstaltungsformat hat das Ziel, den Austausch und die Vernetzung unter den Gedenkstätten des Landes zu stärken. Thematische Schwerpunkte des Herbsttreffens bildeten der Umgang mit dem ausländerfeindlichen Pogrom in Rostock 1992 und die Sicherung der Weitergabe von Wissen und Erfahrungen in den Einrichtungen. Das Programm wurde wie geplant umgesetzt. Als Veranstaltungsort diente das Internationale Begegnungszentrum der Universität Rostock in der Bergstraße.

Nach der Begrüßung und einer knappen Vorstellungsrunde stellten Stefanie Oster und Christoph Schultz die Projektstelle „Lichtenhagen im Gedächtnis“ bei Sobi e. V. vor. Sie gingen kurz auf das Ereignis und den Umgang damit in der Stadtgesellschaft ein. Einen wichtigen erinnerungspolitischen Einschnitt bildete die Gründung der AG Gedenken in der Stadt 2012. Es folgten die Ausschreibungen der Projektstelle und eines Denkmalprojektes. Der Bildungsträger Sobi e. V. wurde mit der Einrichtung eines Archivs zum Pogrom 1992 und der Entwicklung von Bildungsangeboten beauftragt. Bis heute konnte ein beträchtlicher Sammlungsbestand aufgebaut und erschlossen werden. Wobei die Bild- und Verwertungsrechte häufig einer öffentlichen Nutzung von Materialien entgegenstehen. Frau Oster und Herr Schultz präsentierten ein methodisch sehr reflektiertes Programm für Projekttage und gaben einen Überblick zu den bisherigen Aktivitäten. Auf die Projektpräsentation folgte eine lebhafte Diskussion über die Rolle und Funktion der AG Gedenken in der städtischen Erinnerungskultur, die Verflechtung von DDR-Geschichte und Nachwendegeschichte, die unterschiedlichen Großdeutungen des Pogroms in Rostock, die Bedeutung von Zeitzeugen für das Erinnern, den bundesdeutschen Vergleich rassistisch motivierter Gewalttaten nach 1990 sowie über Grauzonen im Handeln der Menschen. Anschließend gingen wir zu einer Stele des Denkmalprojektes auf dem Doberaner Platz, um die Einbeziehung dieser Erinnerungszeichen in die Bildungsarbeit praktisch kennenzulernen. Vor Ort kamen wir über die Wahrnehmungen und Deutungen der Stelen intensiv miteinander ins Gespräch. Dabei spielten die Erfahrungen und Fragestellungen der beiden MitarbeiterInnen der Projektstelle eine wichtige Rolle.

Nach der Mittagspause stellte Dr. Steffi Brüning das „Wiki-Projekt zum Generationenwechsel in Gedenkstätten“ vor. Die Historikerin hatte den Auftrag bekommen, am Beispiel der Dokumentationsstätte in der Stasi-U-Haft Rostock das durch die MitarbeiterInnen erworbene Wissen und ihre methodischen Erfahrungen für den zukünftigen Träger zu sichern und aufzubereiten. Dazu wurden schriftliche Materialien und leitfadengestützte Interviews mit den MitarbeiterInnen ausgewertet. Die Ergebnisse sind mit der Wiki-Software Dokuwiki aufbereitet und erschlossen worden. Somit können zukünftige Mitarbeiter des neuen Trägers der Gedenkstätte unkompliziert auf die Kenntnisse und Erfahrungsbestände der alten Mitarbeiter zurückgreifen. In der folgenden Diskussion wurde nach der Art der erarbeiteten Texte, ihrer Entstehung, der Übertragbarkeit auf andere Gedenkstätten und anderen Fragestellungen zur Auswertung gefragt. Übereinstimmend stellten mehrere Teilnehmende fest, dass gerade kleine Gedenkstätten an dieser Art der Erschließung von Erfahrungswissen bisheriger ProtagonistInnen der lokalen Erinnerungsarbeit ein großes Interesse haben müssten. Außerdem würde sich dieser Ansatz auch eignen, um erinnerungskulturelle Fragestellungen zu bearbeiten.

Im abschließenden Veranstaltungsteil ging es um Informationen zu aktuellen Problemstellungen in der landesweiten Gedenkstättenarbeit. Fabian Schwanzar (JBS Golm) stellte den Arbeitsstand zur Professionalisierung der Archivierung in den Gedenkstätten von M-V vor. Nach Rücksprache mit der LpB M-V soll die Antragstellung für die Fördermittel zum Erwerb der Lizenzen für die Archivsoftware für 2020 vorbereitet werden. Außerdem muss geklärt werden, wie das neue Mitglied der AG Gedenkstätten, die Projektstelle „Lichtenhagen im Gedächtnis“, in diese Förderung (auch das Starterkit) einbezogen werden kann. Weiterhin verwies Fabian Schwanzar auf die neue Homepage der AG. Jedes Mitglied sollte seinen Eintrag noch einmal überprüfen und für Bildmaterial sorgen, das an Fabian Schwanzar zu mailen ist. Dr. Andreas Wagner (Politische Memoriale e. V./ GRENZHUS) stellte den Vorbereitungsstand für die Gedenkstättentagung mit der LAG Schleswig-Holstein vor. Zur Vorbereitung erarbeiteten die Teilnehmenden Angaben zum beruflichen Hintergrund, ihren Prägungen und Motiven, die auf der Tagung in die Vorstellung der Gedenkstättenlandschaft einfließen sollen. Außerdem erbat A. Wagner Fragestellungen für das Gespräch mit Frau Birthler, die wir Jochen Schmidt zur Verfügung stellen werden. Abschließend berichtete Dr. Rainer Stommer (EBB Alt Rehse) über die möglichen Schritte zur Institutionalisierung der Arbeit des bundesweiten Forums der LAG sowie über das Förderprogramm „Jugend erinnert“.

Als Termine für den Runden Tisch im Jahr 2020 wurden der 30. März und der 19. Oktober festgelegt.

 

Schlagsdorf, 22. Oktober 2019                                     Dr. Andreas Wagner

 

Runder Tisch „Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern“ am 7. Juni 2021 in Prora


Mit sinkenden Inzidenzzahlen und der Aufhebung der Einschränkungen konnten wir den ersten Runden Tisch 2021 als Präsenzveranstaltung in Prora durchführen. 25 VertreterInnen von Gedenkstätten aus M-V versammelten sich im Dokumentationszentrum Prora, um sich mit der aktuellen Situation bei der Entwicklung der neuen Bildungsstätte des Landes in Prora vertraut zu machen und Fragen der Vernetzung der Gedenkstättenarbeit zu diskutieren. Mit Unterstützung der beiden Initiativen vor Ort – Prora Zentrum e. V. und Verein Dokumentationszentrum Prora e. V. – wurde das Programm entwickelt und die Veranstaltung durchgeführt. Dafür ein herzliches Dankeschön an die KollegInnen beider Einrichtungen.

Andreas Wagner (GRENZHUS Schlagsdorf) moderierte die Veranstaltung. Am Anfang führte Corinna Wagner-Stempkowski (LpB M-V) in die aktuellen Entwicklungen zur Etablierung der neuen Bildungsstätte Prora ein. 2017 hatten die beiden Initiativen vor Ort den Dachverein „Bildungs- und Dokumentationszentrum Prora“ als Ansprechpartner für das Land und den Landkreis gegründet. Beide Vereine behielten jedoch Ihre Selbständigkeit. Die bereits seit der Entwicklung der Jugendherberge Prora (eröffnete 2011) diskutierte Bildungsstätte in unmittelbarer Nachbarschaft zur Jugendherberge nahm 2021 endlich konkrete Formen an. Der Landkreis (bisheriger Eigentümer) und das Land einigten sich auf die Übernahme von „Kamm 7 und Liegehalle“ im Block V durch das Land. Nach der Zustimmung von Kabinett und Landtag konnte der Kauf abgewickelt werden. Das war die Voraussetzung für die Entwicklung und Umsetzung eines Sanierungs- und Nutzungskonzeptes. Der Bund und das Land stellen insgesamt 13,8 Mio € für die Sanierung des Gebäudeteils zur Verfügung. Frau Wagner-Stempkowski erläuterte die parallele Entwicklung der Nutzungskonzeption und des Sanierungskonzeptes sowie die unterschiedlichen Entscheidungs- und Arbeitsebenen für das Projekt. Bauträger ist das Land. Die genaue Trägerstruktur (Stiftung, gGmbH) für die zukünftige Bildungsstätte ist noch nicht entschieden. Ebenso offen sind die Fragen nach der Fusion der beiden bisherigen Institutionen, nach der Entwicklung einer neuen Ausstellung sowie nach der finanziellen und personellen Ausstattung der zukünftigen Bildungsstätte. Der Abschluss der Baumaßnahme ist für 2026 geplant. In der folgenden Diskussion wurde betont, dass es für eine qualitativ hochwertige Sammlungs-, Ausstellungs- und Bildungsarbeit auch eine angemessene personelle und finanzielle Ausstattung geben muss. Die Erfahrungen des HTM Peenemünde zeigen, dass die Einnahmen aus Eintrittsgeldern allein für den betriebswirtschaftlichen Unterhalt nicht ausreichen. Das Verhältnis von Dezentralität und Schwerpunkten in der Gedenkstättenlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern ist bisher nicht geklärt, so dass jede neue Maßnahme wieder zu grundsätzlichen Fragen nach dem Stellenwert des Ortes in der Erinnerungslandschaft und den zur Verfügung stehenden Ressourcen führt.

Anschließend führten Katja Lucke (Dokumentationszentrum Prora) und Susanna Misgajski (Prora Zentrum) über das Gelände. Katja Lucke übernahm die Einführung in die Bau- und Nutzungsgeschichte sowie den Umgang mit den baulichen Überresten nach dem Abzug der Bundeswehr 1992. An einigen Stationen wurde deutlich, wie der Verkauf der einzelnen Blöcke und ihre Verwandlung in eine Wohn- und Hotelanlage die historische Gestalt verändert hat. Noch ist unklar, wie der Eigentümer mit dem südlichen Abschlussriegel des Festplatzes, wo gegenwärtig das Dokumentationszentrum Prora untergebracht ist, umgehen wird. Dieser Gebäuderiegel im Block IV befindet sich noch weitestgehend im Zustand von 1990/92 und steht in einem scharfen Gegensatz zu den restlichen sanierten Gebäudeteilen. Susanna Misgajski übernahm die Vorstellung von Kamm 7 und Liegehalle im Block V, wo die zukünftige Bildungsstätte ihren Platz finden wird. Wir konnten uns einen Eindruck vom baulichen Zustand des Gebäudeteils machen. Sie erläuterte vor Ort die gegenwärtigen Nutzungsideen für das Gebäude, die Aufteilung der Dauerausstellung auf die Etagen sowie Überlegungen, um die verschiedenen historischen Nutzungsperioden sichtbar zu machen. Falls sich alle Überlegungen umsetzen lassen, wäre die Bildungsstätte auch äußerlich ein Bruch in einem bis dahin wohl vollständig schick sanierten ehemaligen NS-Großbau. Außerdem kann die Geschichte der militärischen Nutzung zu DDR-Zeiten und insbesondere die Geschichte der Bausoldaten hier anschaulich erzählt werden. An dieser Stelle waren Bausoldaten in den 1980er Jahren untergebracht waren und Spuren der Kasernennutzung sind unverändert vorhanden.

Nach der Mittagspause setzten wir das Programm mit der Vorstellung der Bildungsarbeit der beiden vor Ort aktiven Einrichtungen fort. Katja Lucke sprach über die unterschiedlichen Angebote des Dokumentationszentrums. Dennis Grunendahl (Prora Zentrum) übernahm die Aufgabe für das Prora Zentrum. Beide Einrichtungen unterhalten Angebote, um Urlauber über Führungen, Wanderungen und Radtouren mit der Geschichte der fast vier Kilometer langen Anlage vertraut zu machen. Beide Einrichtungen nehmen die gesamte Vielschichtigkeit der Historie des Ortes in den Blick, wobei unterschiedliche Schwerpunkte zu erkennen sind. Einen breiten Raum in beiden Einrichtungen nimmt die Präsentation von Wechselausstellungen zur Geschichte von Nationalsozialismus, DDR und Nachwendegeschichte ein. In der Bildungsarbeit beider Erinnerungsinitiativen spielen Schülerprojekte eine wichtige Rolle, die sich im breiten Themenfeld von historischer Bildung und aktueller Demokratiebildung bewegen. Während das Dokumentationszentrum mit vier Fachkräften jährlich über 80.000 Besucher betreut, sind es im Prora Zentrum 18.000 Besucher mit zwei Fachkräften. In der anschließenden knappen Diskussion wurden die Folgen der Corona-Pandemie für die Bildungsarbeit nachgefragt. Leider kam es, wie nachträglich auch kritisiert wurde, nicht zur Diskussion grundlegender Probleme in der Vermittlungsarbeit an so einem vielschichtigen Ort in einem sich stark wandelnden Umfeld. Auch die Frage des Vergleichs der Diktaturen, der Wandel der Bildungsarbeit seit fast 20 Jahren sowie die Bildungsziele in den beiden Einrichtungen blieben außen vor. Das sind Themen, die wir auf einem der nächsten Runden Tische aufgreifen werden.

Im letzten Teil der Veranstaltung öffnete sich der Blick auf das gesamte Netzwerk der Gedenkstätten in M-V. Philipp Aumann (HTM Peenemünde) stellte ein gescheitertes Bildungsprojekt zur Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Raketentechnik in Peenemünde vor. Im Ergebnis der öffentlichen Berichterstattung über das Schülerprojekt im Dezember 2020 wurde das HTM mit zahlreichen kritischen Stellungnahmen konfrontiert. Dabei standen die Übernahme von Täterperspektiven und eine ungenügende Vorbereitung des handlungsorientierten Bildungsangebotes im Mittelpunkt. Das HTM reagierte mit einer selbstkritischen Reflexion der Bildungsarbeit im Haus und konkreten Maßnahmen. Es wurde eine Kernbotschaft formuliert, an der sich die unterschiedlichen Bildungsangebote auszurichten haben. Außerdem soll es Ende 2021 eine Fortbildung zu den Voraussetzungen und Bedingungen für handlungsorientierte Bildungsangebote in Gedenkstätten geben. Auf den Beitrag folgte eine angeregte Diskussion, die sich auf die Arbeitsbedingungen in den Gedenkstätten und die fehlenden Möglichkeiten zur selbstkritischen Reflexion unter den MitarbeiterInnen bezog. Auf der Grundlage eines Forderungspapiers wurde der Sprecherrat der AG Gedenkstätten M-V beauftragt, vor der Landtagswahl von den Parteien die Einrichtung einer dezentralen Struktur von Gedenkstättenlehrern in M-V zu fordern. Alle Teilnehmenden sind aufgefordert, kritische Anmerkungen zum Forderungstext an Philipp Aumann zu schicken.

Zum Abschluss kamen folgende Problemstellungen zur Aussprache: Corinna Wagner-Stempkowski informierte über das Angebot der Festspiele M-V, Gedenkstätten als Aufführungsorte zu erschließen, über die Entwicklung der neuen Förderrichtlinie für Gedenkstätten sowie die Fortbildung zu digitaler Gedenkstättenarbeit und den Arbeitsstand für einen neuen Gedenkstättenführer. Grundlage für die Homepage zu den Gedenkstätten in M-V soll eine digitale Karte werden, wofür in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Innere Verwaltung eine Kartenvorlage erarbeitet wird. Der Hinweis auf die digitale Vorstellungsreihe der Europäischen Akademie zu den Gedenkstätten in M-V verband sich mit der Aufforderung, weitere inhaltliche Ideen und Orte für dieses Format vorzuschlagen. Die gute Resonanz auf das Online-Angebot resultiert auch aus ihrer Einbeziehung in die Referendarausbildung und Lehrerfortbildung. Fabian Schwanzar informierte über den Stand der Einführung des Archivprogramms Faust in den Gedenkstätten. Er wird mit allen beteiligten Einrichtungen Kontakt aufnehmen und nach dem Arbeitsstand und den Problemen bei der Anwendung des Programms fragen, um daraus eine Fortbildung oder Einzelbetreuungsmaßnahmen abzuleiten. Rainer Stommer sprach über die erste Jahreshauptversammlung des Verbandes der Gedenkstätten in Deutschland e. V. (www.gedenkstaettenverband.de) Der Sprecherrat der AG Gedenkstätten wurde aufgefordert, Ende 2021 neben einer Fortbildung zu den handlungsorientierten Ansätzen in der Gedenkstättenarbeit auch eine Reflexionsmöglichkeit für die pädagogischen MitarbeiterInnen aus den Gedenkstätten in M-V anzubieten.

Der nächste Runde Tisch „Gedenkstättenarbeit in M-V“ findet am 11. Oktober 2021 in Rostock statt. Dort steht auch die Wahl eines neuen Sprecherrates auf dem Programm. Wir brauchen unbedingt mehr und jüngere VertreterInnen der Gedenk- und Erinnerungsorte im Sprecherrat.

Schlagsdorf, 11. Juni 2021 Andreas Wagner

(03962) 221123